Über Fotos an den Grenzen der Kamera
Da ich in letzter Zeit so viele Bilder aus London poste, möchte ich in diesem Post darauf eingehen, warum es sich lohnt auch dann den Auslöser zu drücken, wenn die Kamera an ihre Grenzen gelangt.
Für die Zeit in London hatte ich auf sämtliche Objektive und Stative verzichtet und war lediglich mit der A77 und dem 18-135mm Reisezoom, einem Polfilter und einem 10€ Tischstativ unterwegs. Vielleicht schlagen an dieser Stelle alle Profis die Hände über dem Kopf zusammen, aber wenn ich mich viel in der Stadt bewege und mit meiner Freundin unterwegs bin, ist es für alle Beteiligten angenehmer, wenn das Gepäck leicht ist und ich nicht ständig Objektiv wechseln muss. Das Reisezoom ermöglicht mir sowohl das Motiv im Kontext zu zeigen, als auch Details festzuhalten. Allerdings ist es alles andere als offenblendig und somit muss ein gewisser Verlust an Licht einkalkuliert werden. Die meiste Zeit des Tages ist das kein Problem, aber ausgerechnet dann, wenn das Licht nach Sonnenuntergang interessant wird und langsam die Lichter der Stadt angehen, fällt eine Blende 5.6 schon ins Gewicht und das an einer Kamera, die nicht gerade für ihre Qualität bei hohen ISO-Werten bekannt ist. In diesen Situationen habe ich als Fotograf nun die Wahl: Ich könnte argumentieren, dass bei einem resultierenden hohem ISO-Wert und der vergleichsweise "schlechten" Qualität des Reisezooms im Vergleich zu einem Objektiv mit Festbrennweite mit besserer Verarbeitung ohnehin kein brauchbares Ergebnis herauskommen kann - oder ich kann mein Bestes geben und das Foto machen. Mir ist bewusst, dass diese Aussage nichts Neues ist und eure Welt vielleicht nicht erschüttert, aber einfach weil sie so wichtig und so einfach ist, kann sie nicht oft genug betont werden: Macht das Foto! Nur weil ein Foto nicht die Schärfe eines teuren Objektivs hat oder stark rauscht, heißt das nicht, dass es kein gutes Foto sein kann! Die Fotografie lebt davon, dass die Bedingungen so sind wie sie sind, gerade außerhalb des Studios! Und dann bin ich als Fotograf gefragt, das Beste daraus zu machen, kreativ zu sein und Lösungen zu finden. Eben diese Situationen sind es doch, die herausfordern und die ich dafür so sehr liebe! Sicher ist ein verrauschtes Foto kein Bild für ein Portfolio, aber kann so ein Foto so viel schlimmer sein als gar kein Ergebnis? Ihr habt nichts zu verlieren! Traut euch! Sagt der nervigen Stimme im Hintergrund in solchen Situationen, dass ein "sauberes" Bild nicht das einzige ist, was zählt!
An den folgenden Bildern möchte ich zeigen, inwiefern die Kamera an ihre Grenzen gekommen ist und was mir in dem Moment durch den Kopf ging.
An den folgenden Bildern möchte ich zeigen, inwiefern die Kamera an ihre Grenzen gekommen ist und was mir in dem Moment durch den Kopf ging.
1. Bilder aus dem London Eye
Unsere Besuchszeit hatten wir uns online so gewählt, dass wir den Sonnenuntergang über der Stadt und den Beginn der Blauen Stunde sehen können. Auch ohne Kamera ist das nur zu empfehlen! Die Stimmung ist unbeschreiblich, besonders wenn sich die orange Sonne in den Glasfassaden spiegelt und die ersten Lichter der Stadt langsam immer heller werden.
ISO 4000 105mm 1/160 f8.0
Bei diesem Foto wollte ich die untergehende runde Sonne in einem der Glasgebäude fotografieren. Da sich der Himmel bereits langsam blau färbte und sich in den Fassaden der anderen Häuser spiegelte, war die Sonne nicht nur ein auffälliges Highlight in dem eckigen Gebäude, sondern erzeugte zusätzlich einen Warm-Kalt- Kontrast mit Blau und Orange als Komplementärfarben. Die Brennweite wählte ich, um den Blick auf die Wolkenkratzer zu richten und diese zu verdichten. Da die Häuser hintereinander standen und ich keines besonders in den Vorder- oder Hintergrund rücken wollte, wählte ich Blende 8. Die eigentliche Herausforderung war es nun, das Bild zu realisieren. Zum Einen ändert sich der Winkel durch die Bewegung des Riesenrads relativ schnell, zum Anderen musste ich durch diese Bewegung auch eine kürzere Verschlusszeit wählen, um überhaupt ein scharfes Foto zu bekommen. Das Resultat war ein ISO-Wert von 4000 und ein wirklich verrauschtes Foto. Dennoch bereue ich es nicht, dass ich für dieses Foto alles gegeben habe.
ISO 6400 18mm f3.5 1/500
Gleicher Ort, gleiches Problem mit der Verschlusszeit und ein paar Minuten später. Für dieses Foto wollte ich den gesamten Stadtteil während der Blauen Stunde zeigen, wobei der Palace of Westminster natürlich besonders hervorstechen sollte. Dieses Mal musste ich mich mit der Verschlusszeit wirklich herantasten, bis endlich alle kleinen Details scharf waren. Sehr kurze Verschlusszeit und keine Sonne mehr am Himmel? Das schreit nach Rauschen! Was mir entgangen wäre wenn ich kein Foto gemacht hätte? Diese Stimmung und ein schöner Blick über London und den Palace of Westminster!
2. Bilder aus The Shard
Einigermaßen brauchbare Bilder zu bekommen war wirklich, wirklich schwer! Da keine großen Stative erlaubt sind und das kleine Tischstativ am Tag zuvor kaputt gegangen ist, musste ich mich ganz auf ruhige Hände und die Kamera verlassen. Hinzu kamen die Reflektionen an der Fassade des höchsten Gebäudes der Stadt. Während ich mich in den ersten Minuten noch mit Polfilter arbeitete, um diese Reflektionen nicht ins Foto zu bekommen, merkte ich schnell, dass der Filter doch zu viel Licht schluckt! Zu diesem Zeitpunkt fotografierte ich mit der am weitesten geöffneten Blende auf ISO 6400 im Bereich von unter 1/25 Sekunde. Das war bei Bildern mit langer Brennweite einfach nicht zu halten. Ich ließ es mir allerdings nicht nehmen, dennoch Details der Stadt zu fotografieren und konnte so besonders spannende Motive in Szene setzen.
ISO 6400 100mm f5.6 1/25
ISO 6400 20mm f4.0 1/25
ISO 6400 90mm f5.6 1/13
3. Buckingham Palace im Regen
An diesem Nachmittag hatten wir Glück und Pech zugleich. Es hatte angefangen zu regnen und so war es mir nur für einen kurzen Zeitraum möglich, so zu fotografieren, wie ich es wollte. Zum Einen wäre die Kamera sonst extrem schnell nass geworden, zum Anderen war es durch die dichten Wolken deutlich früher dunkler als an den vorherigen Tagen. Der einzige Vorteil war, dass ein Großteil der Touristen, die als große Traube unmittelbar vor dem Eingang standen, das Weite gesucht hat. Das Ergebnis war eine ganz besondere Stimmung frei von Selfie-Sticks und lauten Gesprächen, mit vielen Regenschirmen um uns herum (so, wie man es sich von England erwartet). Das war es mir definitiv wert, die Bildqualität zu vergessen und vollen Einsatz zu zeigen, um das Bild zu realisieren. Danke an dieser Stelle an meine Freundin, die als lebendes Stativ herhalten musste :D
Ich hoffe ich konnte zeigen, dass es keine Bildqualität der Welt wert ist, sich an einem Foto nicht zu versuchen. Traut euch, ihr werdet es nicht bereuen! Und selbst wenn ihr von dem Endergebnis vielleicht nicht immer begeistert seid, so ist es doch eine gute Übung und Gelegenheit Erfahrungen zu sammeln und sich zu helfen zu wissen, wenn die Kamera an ihre Grenzen kommt oder/ und die Bedingungen schwierig sind.






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