Sonntag, 27. November 2016

Die ewige Diskussion um Bildbearbeitung

Mein Beitrag zur ewigen Bearbeitungs-Debatte und warum ich Photoshop verwende 

Die Verwendung von Photoshop ist oft ein heikles Thema. So wird dem Fotografen oft vorgeworfen, er würde manipulieren, fehlleiten oder schlicht und ergreifend nicht in der Lage sein zu fotografieren, sodass er im Nachhinein auf ein Programm zurückgreifen muss. Warum diese Kritik oft völlig daneben ist und warum ich die Verwendung von Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop sogar für unabdingbar halte, will ich an dieser Stelle kurz erläutern.
Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass es unsinnig ist, alle Funktionen von Photoshop oder ähnlichen Programmen zu verfluchen, so lange man nicht versteht, wie der Fotograf fotografiert. Wird im RAW-Format fotografiert, ist eine Nachbearbeitung der Bilder mittels Lightroom oder Camera Raw oder ähnlichen Programmen unabdingbar, denn in der Kamera werden die Rohdaten ja auch bei der Konvertierung zu einer JPEG-Datei verändert, d.h. ein JPEG-Bild zeigt farblich und hinsichtlich der Schärfe auch nicht exakt das, was die Kamera tatsächlich fotografiert hat. Daneben ist zu beachten, dass bei der reinen RAW-Entwicklung auch nur die Daten verarbeitet werden, die ohnehin schon im Sensor steckten. Hinsichtlich Belichtung, Kontrast, Lichter, Tiefen, Schärfen usw. ist der Vorwurf der Manipulation also nicht angebracht.
Allgemein sollten sich Kritiker grundsätzlich die Frage stellen, ab wann überhaupt von Manipulation und Verfälschung gesprochen werden kann, denn der Fotograf ist letztendlich immer nur in der Lage, einen bestimmten Blickwinkel zu zeigen und das wird in der Regel immer der sein, den er selbst als relevant oder besonders spannend erachtet. Das, was auf dem Foto zu sehen ist, ist also stark abhängig von der Tageszeit, der Perspektive, aber auch von der eingesetzten Brennweite und in einigen Situationen sogar von der Verschlusszeit, sodass eine Szene nie 1:1 dargestellt werden KANN. Das möchte ich kurz genauer erklären:



Diese beiden Fotos sind exakt zur selben Zeit mit identischer Brennweite am exakt dem gleichen Ort entstanden. Dennoch ist die Aussage nur durch Veränderung der Entfernung zum Objekt eine grundsätzlich andere: Bild 1 könnte beispielsweise den Titel Marienkäfer-Invasion tragen, während Bild 2 lediglich zwei Marienkäfer auf einem steinigen Untergrund zeigt. Bild eins zeigt starre Punkte, während Bild 2 Bewegung impliziert. Hätte ich nun weitwinkliger fotografiert oder aus einem anderen Winkel, hätte das Bild den Titel Marienkäfer am Haus oder Marienkäfer bei blauem Himmel tragen können. Das zeigt, dass bereits durch die Verwendung von Kamera und Objektiv eine grundsätzlich andere Begebenheit gezeigt werden kann, d.h. ein Foto kann nie völlig objektiv dokumentieren. Hätte ich eine längere Verschlusszeit verwendet, wären die Marienkäfer aufgrund ihrer Bewegung völlig verschwunden. Der Titel des Bildes wäre dann Wand oder Stein. Wer sich also darüber beschwert, wie sehr Photoshop die Welt verfälschen kann, der sollte bedenken, dass bereits ein Foto schon nicht mehr voll und ganz objektiv ist und bedenken, dass nicht jeder Gebrauch von Bildbearbeitungsprogrammen eine starke Verfälschung des Dargestellten bedeuten muss. 
Soweit, so gut. Nun möchte ich erklären, warum ich meine Fotos in Photoshop bearbeite.
Was häufig bei der Debatte um Photoshop vergessen wird ist vor welchem Hintergrund die Fotos veröffentlicht werden und das Maß, inwiefern Veränderungen an Fotos tatsächlich wichtig sind. Dabei sollte zwischen solchen Fotografen unterschieden werden, an die ein Wirklichkeits- und Objektivitätsanspruch gerechtfertigt ist, das heißt Fotografen die dokumentieren und solchen, die künstlerisch interpretieren und ihre Sichtweise auf die Welt präsentieren. Erstgenannte sind beispielsweise Journalisten, letztere eher Künstler. Da ich kein Journalist bin und meine Sichtweise auf das vorstellen will, was ich präsentiere, sehe ich keinen Grund auf Photoshop zu verzichten, solange es mir ermöglicht, meine Interpretationen umzusetzen. Dass es genau darum bei City Lives geht, ist der Beschreibung zu entnehmen: "It is about how a hobby photographer wants to present what impresses him in his everyday life". Da ich aber ja das Besondere, Typische, Beeindruckende und Schöne der einzelnen Städte vorstellen möchte in der Art und Weise wie es mich beeindruckt, beinhaltet die Verwendung von Photoshop für mich nicht, den Inhalt des Bildes wesentlich zu verfälschen, d.h. ich füge nichts hinzu, was nicht da ist und belasse Farben und Strukturen so, wie sie waren, als ich sie fotografiert habe. Was für mich aber bei meinen Bildern nicht relevant ist, das sind Straßenschilder, Müll, je nach Kontext Touristen oder Autos. Denn wenn ich beschreiben müsste, was ich gesehen habe oder mich zurückerinnere, zählt das Motiv und nicht, ob die Ampel rot oder grün war oder das große rote Stop-Schild rechts am Rand. Ich möchte den Fokus und das Interesse auf das richten, was ich vorstellen möchte und was mir in dem Moment wichtig war. Photoshop ist eine große Hilfe die Störfaktoren zu entfernen, die ich durch Perspektive oder Winkel nicht vermeiden konnte. Photoshop ermöglicht Dodge&Burn und Schärfen, sodass ich mein Bild so nahe wie möglich an meine Wahrnehmung und Erinnerung heranführen kann. Weiter möchte ich nicht gehen.
Wir sehen also, dass die Verwendung von  Photoshop ein hochkomplexes Thema mit vielen Faktoren ist, bei dem Schwarz-Weiß-Denken kaum zu rechtfertigen ist. Fotos sollten immer im Kontext gesehen werden und es sollte im Hinterkopf bleiben, dass kein Bild die Realität so abbilden kann, wie wir sie wirklich sehen. Ich als Fotograf mit künstlerischer Interpretation dessen, was ich vorstellen möchte, sehe keinen Grund, weshalb ich auf Photoshop verzichten sollte, Zumal Nachbearbeitung Fotografen zusätzlich dabei unterstützt, einen eigenen Stil zu entwickeln. Nachbearbeitung und Entwickeln waren schon immer Bestandteil der Fotografie, weshalb es falsch ist, diesen Schritt grundsätzlich zu verdammen. Gute Fotografie legt den Grundstein für ein gutes Gesamtergebnis. Bildbearbeitung eine gute Ergänzung.
Zuletzt noch eine Bemerkung zu dem Thema, das die Debatte um Photoshop in den Medien immer wieder entfacht: Veränderung an Models, die für große Modelabels oder Textilhandelsunternehmen werben. Grundsätzlich ist es ungerecht, die Schuld alleine am Fotografen oder Photoshop zu üben. Ein Fotograf, der für so große Kampagnen fotografiert ist lediglich das, was ein Fotograf ist, der beruflich fotografiert: Nämlich Dienstleister für seinen Auftraggeber. Er setzt die Aufträge nach dessen Vorstellungen um und letztendlich werden die Ergebnisse nur öffentlich, wenn sie diesen Vorstellungen der Auftraggeber entsprechen. Woher diese Vorstellungen genau kommen und inwiefern an dieser Stelle ein Teufelskreis entsteht, ob eine Schuldfrage diskutiert werden sollte oder nicht, das geht über die Absicht dieses Posts weit hinaus.
Was ist nun mein Fazit? Grundsätzlich ist es gut dem, was uns in unserem Alltag an Fotos und Videos präsentiert wird gegebenenfalls auch skeptisch gegenüberzustehen und zu hinterfragen, genau wie wir eine unrealistische Geschichte eines Freundes nach 2,3 Bier auch hinterfragen würden. Dabei muss aber immer der Kontext bedacht werden. Für mich persönlich ist Photoshop ein hilfreiches Werkzeug zur Perfektionierung meiner Ideen. Die Umsetzung der Fotos ist völlig unabhängig davon. Die Entwicklung von RAW-Dateien abzulehnen halte ich für unsinnig. Abschließend möchte ich betonen, dass ich hoffe, dass ich zeigen konnte, dass die ewige Debatte zwischen Photoshop als Teufelswerkzeug zur Zerstörung der Welt und Photoshop als unabdingbares Allheilmittel gegen schlechte Fotos niemanden weiterbringt, sondern dass hier eine deutlich differenzierte Betrachtung des Themas notwendig ist, um für sich eine befriedigende Antwort zu finden.

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